Rezension: Karl May – Im fernen Westen (Band 89)

Wie ich bereits vor einigen Tagen berichtete, bin ich nun Teil von „Blogg dein Buch“. Meine erste Bewerbung galt dem neuen Buch „Im fernen Westen“ von Karl May. Der Karl-May-Verlag war so freundlich, mir wirklich ein Exemplar zur Verfügung zu stellen, wofür ich sehr dankbar bin. Hier also nun meine Rezension. Hat zwar etwas länger gedauert als geplant, aber wie heißt es so schön: Was lange währt …

 

Im fernen Westen - Cover

 

Das Buch enthält zwei voneinander unabhängige Erzählungen. Zum einen die Titelgeschichte „Im fernen Westen“ und zum anderen die Erzählung „Der Fürst der Bleichgesichter“.

 

Im fernen Westen

Diese Erzählung beginnt damit, wie der Ich-Erzähler, Karl May bzw. Old Shatterhand selbst, dem Knaben Harry und dem Ölprinzen Emery Forster begegnet und sie bei der Ölquelle halt machen. Durch einen Unfall entzündet sich die Ölquelle und der gesamte Komplex wird vernichtet. Old Shatterhand schafft es gerade noch, sich den Knaben zu greifen und dann mit seinem Pferd zu entfliehen. Harry aber hält ihn für einen Feigling und verlässt ihn undankbar. Später trifft Old Shatterhand auf Winnetou, und gemeinsam mit Old Firehand verhindern sie einen Überfall der Ogellallah-Indianer auf die Eisenbahn. Dabei treffen sie auf Parranoh alias Tim Finnetey, den weißen Häuptling, mit dem sowohl Winnetou als auch Old Firehand eine Rechnung offen haben. Er wird gefangen genommen und in Old Firehands „Festung“, ein Talkessel, gebracht. Da er der Mörder von Old Firehands Frau und damit die Mutter Harrys war, soll er hingerichtet werden, aber außerhalb der Festung. Dort lauern ihnen Indianer auf, diesem Kampf entkommen sie aber verwundet. Parranoh allerdings ist dadurch entkommen. Danach kommt es zu einem Kampf in der Festung, den viele der Helden mit dem Leben bezahlen. Auch Old Firehand stirbt. Winnetou, Sam Hawkins, Harry und Old Shatterhand entkommen als einzige und töten Parranoh.

Den ersten Kontakt zu den Büchern von Karl May hatte ich, wie wohl viele, durch die Winnetou-Trilogie, die ich mir in der Bücherei auslieh. Es folgten viele andere Bücher, dann kaufte ich mir auch zahlreiche Exemplare, unter anderem auch Band 71 „Old Firehand“. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich damals nicht glücklich gewesen bin, da ein Teil in Old Firehand fast wörtlich aus Winnetou II kopiert wurde. Und nun also „Im fernen Westen“: Wieder die gleiche Erzählung, teilweise – wenn nicht sogar zum großen Teil – wörtlich übernommen. Das finde ich sehr schade. Im Nachwort steht zwar, dass Karl May wohl viel an dieser Geschichte lag und er deshalb immer wieder daran gefeilt hat; und dass die Geschichte als Teil in zwei Erzählungen auftaucht, damit könnte ich ja leben. Aber hier jetzt ein neues Buch herauszubringen, mit dieser nun doch ausgelutschten Geschichte als Titel, finde ich nicht mehr gut. Es erweckt den Eindruck, als wollte man mit aller Macht noch ein paar Euros verdienen.

Die Erzählung an sich ist natürlich wie alle anderen: Wer Karl May und/oder Abenteuergeschichten liebt, wird auch diese Erzählung lieben. Er versteht es ja sehr gut, Spannung aufzubauen und mit seiner blühenden Fantasie gewaltige Szenarien zu erzeugen und damit den Leser zu unterhalten. Im Gegensatz zu anderen Erzählungen ist diese Geschichte aber grausamer. Die sonst so friedliebenden Helden scheuen hier kein Blut; Winnetou, Old Firehand und Sam Hawkins sind sogar auf Skalpe aus. Das findet man in anderen Büchern in dieser Form nicht. Ich finde das nicht weiter schlimm, steht aber doch in einem kleinen Kontrast.

Als diese Erzählung entstanden ist, sah May in sich wohl noch nicht den „Freund aller roten Männer“. Zumindest ist von der sonst üblichen Schonung nichts zu sehen, und auch ein Absatz impliziert das. „Es war nicht der erste Feind, welchen ich niedergestreckt, […] aber hier lag ein Weißer vor mir, der von meiner Waffe gestorben war, und ich konnte mich eines beengenden Gefühls nicht erwehren.“ Auf mich macht dieser zusammengefasste Satz den Eindruck, als wäre der Tot eines Indianers nicht so tragisch wie der eines „Weißen“.

Weiterhin beschreibt May zu Beginn der Erzählung, wie er Winnetou kennen gelernt hat. Demnach befand dieser sich gerade in einem Kampf mit Athabasken und Old Shatterhand eilte ihm zu Hilfe, woraus die Freundschaft resultierte. Das steht im krassen Widerspruch zu der Geschichte aus Winnetou I, wo sich die beiden beim Bau der Eisenbahn erstmals begegneten.

Fazit: Die Erzählung an sich ist toll. Es kommt alles vor, was man von einem Action-Abenteuer im Wilden Westen erwartet: Blut, Tod, Skalpe – und das Ganze auch wegen Liebe. Wie immer werden die Personen und Umgebung ziemlich detailliert beschrieben, sodass sich der Leser sehr gut hineindenken kann. Das gefällt mir an allen Büchern Mays. Allerdings gefallen mir die friedliebenden Helden weitaus besser. Was mich aber am meisten stört ist, dass nun eine Erzählung zum dritten Mal immer unter einem anderen Titel veröffentlicht wird. So etwas gehört sich meines Erachtens nicht.

 

Der Fürst der Bleichgesichter

Sam Barth trifft mit seinen zwei Kumpanen auf einen Trupp von Deutschen, die sich ausgeraubt zu Fuß in der Wildnis befinden. Eine der Frauen entpuppt sich als Barths Jugendliebe, was zu einem romantischen Gespräch am Feuer führt, schließlich haben die beiden sich viel zu erzählen. Nachdem Barth den Gaunern das Diebesgut wieder abgenommen hat, machen sie sich gemeinsam auf zum Silbersee, wo sie auf weitere Helden wie den Apatschenhäuptling Schwarze Hand und den Fürst der Bleichgesichter treffen. Gemeinsam befreien sie zunächst eine gefangene junge Frau aus den Fängen Maricopas-Indianer, später verteidigen sie die Mission am Silbersee vor deren Angriff. Zwischendurch wird auch die gesamte Bande des „roten Burkers“ gefangen genommen, der für den Überfall auf die Deutschen verantwortlich war. Unter den Gefangenen befindet sich ein Mann namens Newton, der aber durch eine List der „silbernen Hand“, der Besitzer eines Quecksilberbergwerks namens Roulin, fliehen kann. Er kehrt später in einem Gasthaus der Emeria ein. Sam Barth ist ihm zwar auf den Fersen, trifft ihn im Gasthaus aber nicht mehr an.

Die Erzählung ist eindeutig Teil der Geschichte der Familie Adlerhorst, die in den Bänden 61-63 von May niedergeschrieben wurde. Es handelt sich nur um eine Episode ohne wirklichen Anfang und vor allem ohne richtiges Ende. Sie macht den Eindruck, einfach aus dem Zusammenhang gerissen zu sein. Verwirrend ist auch die Benennung der Helden. Man weiß auf den ersten Blick, dass es sich bei Sam Barth und seine beiden Gefährten um Sam Hawkins, Will Parker und Dick Stone handeln muss. Ebenso dass der „Fürst der Bleichgesichter“ Oskar Steinbach Karl May selbst bzw. sein Alter Ego Old Shatterhand ist. Auch der Apatschenhäuptling Starke Hand kann nur Winnetou sein, der hier allerdings einen Neffen hat.

In den ersten Kapiteln gibt es kaum Handlung, sondern nur ellenlange Dialoge, unter anderem das „Liebesgespräch“ zwischen Barth und seiner Jugendliebe. Auch im weiteren Verlauf der Erzählung dominiert wörtliche Rede. Zum Teil sind diese Gespräche aber einfach nur lächerlich, vor allem das Ende, das sich im Gasthaus der Emeria abspielt.

Fazit: Leider ist diese Erzählung nur Stückwerk, die man separat betrachtet nicht verstehen kann, da sie ohne Anfang und Ende ist. Es mag eine sehr frühe Erzählung Mays sein, passt mir aber nicht zu seinem sonstigen Stil und macht daher einen eher lächerlichen Eindruck.

 

Gesamtbewertung:
Das Buch mag in das Regal echter Karl-May-Fans gehören, die werden es kaufen, einfach um es zu haben, damit die Sammlung vollständig ist. Gekauft hätte ich das Buch in dieser Form allerdings nicht, denn für eine dritte Wiederholung einer Geschichte und einer aus dem Zusammenhang gerissenen Episode ist es seinen Preis absolut nicht wert. Zudem gefällt mir die zweite Erzählung mit seinen lächerlichen Dialogen überhaupt nicht.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s