Zeitgeist (Kurzgeschichte)

Plötzlich tauchte vor ihm ein weiterer Feind auf, der sich schreiend auf ihn warf und mit seiner Streitaxt nach ihm hieb. Trotz der Überraschung schaffte er es, geistesgegenwärtig zur Seite auszuweichen, sodass sein Gegner durch den Schwung an ihm vorbeischoss. Während er sich nach ihm umdrehte, zog er sein Langschwert aus der Scheide. Da er sich nun im Rücken seines Feindes befand, würde er leichtes Spiel haben. Er schlug mit seinem Schwert nach ihm, doch er traf ihn nur mit der Spitze und nicht so fest wie beabsichtigt, dass die Wirkung nur gering war und das Kettenhemd seinen Feind schützte. Er brachte ihm somit keine Verletzung zu, sondern nur ins Stolpern und ins Fallen. Schnell konnte sich der Krieger aber wieder aufrappeln und den nächsten Hieb mit seiner Axt parieren, um schnell einen Gegenangriff auszuführen. Er landete einen Treffer in den Oberschenkel seines Gegenübers, der stöhnend in die Knie ging. Der Krieger stieß einen triumphierenden Schrei aus und wollte gerade zum vernichtenden Schlag ausholen, als er einen heftigen Schlag auf seinem rechten Arm verspürte, dass er vor Schmerz seine Waffe fallen ließ. Bevor er sich rühren und nach seiner Axt greifen konnte, bekam er einen Hieb in jedes Bein, die ihn nach hinten zu Boden warfen. Er war kaum aufgeschlagen, als er über sich das feindliche Schwert sah, dass seinem Leben ein Ende machte.

 

Laut atmete Jens vor seinem Computer aus, ließ die Maus los und nahm die Hand von der Tastatur. Vorher drückte er noch schnell eine Taste, um das Spiel zu speichern. Diesen Kampf wollte er nicht wiederholen müssen.

Seit über drei Stunden spielte er nun ohne Pause an seinem neuen Videospiel. Seine Konzentration hatte merklich nachgelassen, doch er konnte einfach nicht aufhören; zu sehr hielt ihn die virtuelle Welt gefangen.

Jetzt wurde es aber wirklich Zeit für eine kurze Unterbrechung. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und griff in die Chipstüte, die schon nahezu leer war. Er brauchte ein wenig Nervennahrung.

„Jens!“, hörte er seine Mutter rufen. Was sie jetzt wohl schon wieder wollte?

„Jens“, wiederholte sie, „wo bist du denn?“

„Hier, Mutti“, entgegnete er.

Er hörte, wie seine Mutter näher kam.

„Sag mal, könntest du mir nicht ein wenig im Garten zur Hand geh… Sitzt du denn immer noch vor deinem Computer?“

„Ja … äh … ich wollte ihn gerade ausschalten.“

„Na, das wird aber auch höchste Zeit. Du kannst doch nicht den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzen!“

„Ein ganzer Tag war das noch nicht, schließlich war ich doch schon in der Schule“, gab Jens unwirsch zurück, „und außerdem machen das alle so!“

„Und das ist auch wirklich traurig. Auf die anderen habe ich keinen Einfluss, aber du wirst deine Zeit vor dem Rechner reduzieren müssen. Du sitzt nur noch auf deinem bequemen Bürostuhl, knabberst deine Chips und trinkst Cola dazu. Nebenbei hackst du auf irgendwelche Monster oder Menschen ein. Du solltest dich in der Realität mehr bewegen, sonst nimmst du noch mehr zu. Wenn das – wie du sagst – alle so machen, ist es kein Wunder, dass die Jugendlichen immer unsportlicher, dicker und kränklicher werden. Ohne Bewegung und mit all diesem ungesunden Zeug kann man einfach nicht gesund bleiben.“

„Ach, es ist doch alles halb so schlimm, du machst dir bloß wieder unnötige Sorgen.“

„Da bin ich aber anderer Meinung. Einen guten Anfang kannst du schon mal tun, indem du den Rasen mähst. Dabei kommst du an die frische Luft und bewegst dich auch endlich wieder etwas mehr.“

„Wenn es unbedingt sein muss!“ Missmutig beendete er das Spiel und schaltete den PC aus.

Er konnte die virtuelle Welt aber nicht einfach so hinter sich lassen. Während er seiner Arbeit im Garten nachging, dachte er darüber nach, was er als Nächstes tun, welche Orte er mit seinem Helden aufsuchen wollte und wie er am besten die noch ausstehende Aufgaben löste.

Glücklicherweise nahm seine Arbeit nicht allzu viel Zeit in Anspruch und so hatte er sie schnell erledigt. Er hatte geduscht und wollte gerade seinen Computer wieder anschalten, als sein Handy klingelte. Wer sollte jetzt etwas von ihm wollen?

„Hi Jens“, vernahm er die Stimme seines Freundes Klaus. „Ich kann doch schon etwas früher heute. Bist du schon fertig? Ich hole dich ab, bin in etwa zehn Minuten bei dir, OK?“

Langsam dämmerte es ihm. Er hatte sich für heute Abend mit seinen Freunden verabredet, aber er hatte eigentlich keine Lust mehr dazu. Er war gerade mitten im Spiel, in der heißen Phase, jetzt machte es erst so richtig Spaß. Viel lieber würde er weiterspielen, sonst hätte er erst morgen nach der Schule wieder Zeit dazu. Aber indem er etwas mit seinen Freunden machte, konnte er seiner Mutter beweisen, dass er auch ohne seinen Computer auskam und er würde ihr einen Gefallen tun.

„Natürlich, ich bin startklar. Bis gleich.“

Er ging ins Wohnzimmer zu seiner Mutter.

„Mama, Klaus holt mich gleich ab. Nur damit du Bescheid weißt und dir keine Sorgen machst.“

„Oh, super, das wird dir sicher guttun. So kommst du von deinem Bildschirm weg und machst mal was an der frischen Luft. Was habt ihr denn vor?“

„Erst mal fahren wir zu McDonald’s. Dann sind wir bei Klaus, er möchte uns seinen neusten Film zeigen.“

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